Der Mann mit vielen Eigenschaften
Er war Lehrer, machte in der Pension seinen Magister, rezitiert Gedichte und nimmt gerne an wissenschaftlichen Studien teil. Wolfgang Sator ist ein Mann mit vielen Eigenschaften.
Wolfgang Sator: "Wissenschaft schafft Wissen. Und nur durch vermehrtes Wissen kann sich die Menschheit weiterentwickeln."
Leben & Freude: An Studien teilzunehmen ist ein eher ungewöhnliches Hobby. Wie kamen Sie dazu?
Wolfgang Sator: Ich bin einerseits an Studienergebnissen interessiert, aus welchem Fachgebiet sie auch kommen. Besonders aber an Medizin, Psychologie, Soziologie, Geschichte, Politikwissenschaft. Andererseits nehme ich gerne als Proband daran teil, weil mich die Frage- und Problemstellungen der einzelnen Studien wieder selbst auf neue Gedanken bringen.
Welche Studien sind das konkret?
Das sind erstens medizinische und psychologische Studien, falls ich dazu eingeladen werde, und zweitens besuche ich ein Testinstitut, in dem alle Arten von Tests auf ihre Eignung überprüft werden. Das reicht von Sprachtests über psychologische Tests bis hin zum Raumvorstellungsvermögen und Tauglichkeitstests für Autofahrer.
Was ist für Sie das Spannende daran?
Die Frage, ob meine intellektuellen Fähigkeiten ausreichen, um diese Tests zu absolvieren. Auch dass ich dadurch mein Gehirn trainiere, um mir meine geistige Leistungsfähigkeit zu erhalten. Denn das Gehirn muss wie die Muskulatur immer in Übung sein. Man kann auch im Alter die Synapsenverbindungen zwischen den Neuronen vermehren.
Seit wann machen Sie das?
Seit dem Jahre 2002.
Was unterscheidet dieses Hobby von Ihren anderen Hobbys wie zum Beispiel dem (Vor)lesen?
Das ist schwierig zu beantworten. Jedes Hobby unterscheidet sich von den anderen, so wie auch jeder Mensch und seine Interessenslagen anders sind. Grundsätzlich möchte ich bemerken, dass man in Pension – gute Gesundheit vorausgesetzt – möglichst viele und anspruchsvolle Hobbys ausüben soll. Die Lebensjahre in der Pension sind ein Geschenk, das man nützen soll.
Wie viel Zeit nimmt dieses Hobby in Anspruch?
Das ist ganz verschieden. Aber der Zeitaufwand ist gering. Die Vorbereitungen für die Rezitationen nehmen mehr Zeit in Anspruch.
Gib es eine derzeit aktuelle Studie, an der Sie teilnehmen?
Vor einigen Tagen habe ich an der Studie „Lesen im Alter“ von Dr. Susanne Schuett, Klinische Psychologie der Universität Wien, teilgenommen. Dabei wird untersucht, ob Lesen gesundes kognitives Altern fördert. Dazu werden Leseleistung, -kompetenz, -verhalten/-gewohnheiten, -motivation und -schwierigkeiten abgefragt.
Ist die Teilnahme anonym oder würden Sie dafür auch Ihren Namen hergeben?
Selbstverständlich. Obwohl mir egal ist, ob mein Name verwendet wird oder nicht. Ich stehe auch namentlich mit einigen Beiträgen im Internet und habe weder Nachteile noch Vorteile dadurch erfahren. Aber ich weiß, dass manche Leute Angst vor der Publizität haben. Darauf wird Rücksicht genommen.
Wird die Teilnahme an Studien entlohnt?
Manchmal bekomme ich eine Art Aufwandsentschädigung. Das freut mich natürlich.
Es ist eine kleine Bestätigung, dass man etwas geleistet hat.
Wenn die Studie abgeschlossen ist und die Studienergebnisse veröffentlicht werden – welches Gefühl ist das für Sie als Teilnehmer?
Dass ich als kleines Zahnrädchen auch daran mitgewirkt habe. Wenn die Studie auch noch mediales Interesse erweckt, erfüllt es mich mit einem Gefühl der Bestätigung. Ich kann anschließend in Gesprächen auf die Studienergebnisse verweisen.
Würden Sie dieses Hobby weiterempfehlen?
Absolut. Mein Appell lautet: Wissenschaft schafft Wissen. Und nur durch vermehrtes Wissen kann sich die Menschheit weiterentwickeln. Daher sind Studien und ihre Ergebnisse absolut notwendig.
Warum ist ein Hobby Ihrer Meinung nach auch oder gerade für ältere Menschen wichtig?
Ernsthafte und bewusste Beschäftigung mit der Welt formen das Kind zum Erwachsenen. Der ältere Mensch hat durch die Pensionierung ebenfalls Zeit und Muße, sich wieder mit Bereichen zu beschäftigen, die ihm während des Erwerbs- und Familienlebens notgedrungen fern gestanden sind. Diese Zeit kann er nützen, um einem oder mehreren Hobbys zu frönen, die Welt wieder neu oder anders kennenzulernen und sich aus ausgetretenen Pfaden in einen Urwald von Möglichkeiten zu begeben. Es gibt so vieles, dafür reicht die Lebenszeit gar nicht aus. Aber das soll einen nicht aufhalten.
Ihr zweites großes Steckenpferd ist das Rezitieren in der Leseagentur Plan 60. Wie kamen Sie dazu?
Durch einen Artikel in einer Tageszeitung im Sommer 2005. Ich habe noch am selben Tag Frau Geiger, die Leiterin der Leseagentur, angerufen und wurde sofort zum Casting bei der nächsten Sitzung eingeladen. Dieses verlief erfolgreich, und so habe ich bis dato über 110 ehrenamtliche Lesungen abgehalten, sowohl innerhalb der Leseagentur als auch bei anderen Gelegenheiten, wie Charity-Veranstaltungen, Firmeneröffnungen, Geburtstagen etc.
Und was fasziniert Sie am Vorlesen?
Ich lese meist heitere Geschichten und Gedichte. Auf der Bühne spiele ich den „Kasperl“, imitiere alte Schauspieler und kann das Publikum so zum Lachen bringen. Wenn die Leute heiter gestimmt werden und einen mit Applaus beschenken, dann empfinde ich ein Glücksgefühl, das noch Tage andauert.
Haben Sie durch Ihre Hobbys neue Freundschaften/Bekanntschaften geschlossen?
Wir sind in der Leseagentur über die Jahre gute und liebe Freunde geworden. Und aus der Studienzeit her bin ich noch immer mit einigen der jungen Studenten befreundet, die mittlerweile Mitte 30 geworden sind und mitten im Leben stehen.
Apropos Studenten: Sie waren vor Ihrer Pensionierung und dem anschließenden Studium Lehrer. Warum diese Berufswahl?
Ich bin in Wien-Hütteldorf geboren und erlebte noch die direkte Nachkriegszeit. Zum Lehrberuf habe ich mich entschlossen, weil mir bewusst war, dass man eine neue Gesellschaft nur über die nächste Generation entwickeln kann. Mein Lebensziel war es, eine bessere, klügere und gerechtere Gesellschaft zu erreichen. Ich hoffe, dies bei meinen Schülern, ich habe in einer Hauptschule in Wien unterrichtet, einigermaßen bewirkt zu haben.
Haben Sie auch aus dieser Motivation heraus Publizistik, Zeitgeschichte und Politik studiert?
Politik ist eines der Mittel, durch die Veränderungen „von oben“ durchgesetzt werden können. Die Gesetzgebung und die politische Affinität im Tagesgeschehen werden von den Medien repliziert und publiziert, daher Publizistik. Zeitgeschichte hält die Ereignisse der jüngeren Vergangenheit und deren Hintergründe fest. Studiert habe ich ab1996, 2003 habe ich mit gutem Erfolg abgeschlossen. Einen wichtigen Grundsatz sollte man bei diesen Fächern immer berücksichtigen: „Nichts ist so, wie es scheint.“ Immer versuchen, hinter die Kulissen zu schauen.
Würden Sie uns zu guter Letzt noch Ihr Alter verraten?
Ich werde im November 64. Jetzt wird ein Beatles-Hit aktuell: „When I get older, loosing my hair ...“