Interview: "Es ist ein Anfang"
Der Toxikologe Klaus Schröder forscht am Zentrum für Ersatz- und Ergänzungsmethoden zu Tierversuchen (ZET) nach Organmodellen, die Tieren Versuche ersparen sollen. An der Entwicklung des Phenion-Hautmodells war er maßgeblich beteiligt.
Forschen & Entdecken: Was ist das Besondere am Phenion-Hautmodell?
Klaus Schröder: Es besteht im Gegensatz zu den meisten anderen Hautmodellen nicht nur aus der Oberhaut, sondern auch aus dem darunterliegenden Bindegewebe.
Was bringt das?
Das Modell ermöglicht damit Versuche, die andere Modelle nicht zulassen. Zum Beispiel kann man mit ihm die Hautalterung durch UV-Strahlung simulieren oder man kann es mit Herpes-Viren infizieren. So ist es auch in der Forschung vielfältig einsetzbar.
Wie wird es hergestellt?
Aus Hautresten von Operationen. Die werden zerkleinert und vervielfältigt. Die so gewonnenen Hautzellen trägt man dann auf Kollagenplättchen auf.
Wofür werden Hautmodelle noch verwendet?
Zum Beispiel für Hautirritationstests. Seit 2009 dürfen in der EU für diese Prüfung keine Tierversuche mehr durchgeführt werden.
Welche Tiere profitieren davon?
Hauptsächlich Kaninchen. Mit dieser Regelung bleibt jährlich rund 12.000 ein Versuch erspart.
Sind das viel oder wenig?
Es ist ein Anfang. Aber angesichts von zwölf Millionen Versuchstieren pro Jahr in der EU ist es erschreckend wenig.
Wie kann man diese Zahl weiter senken?
Indem man ein Umdenken einleitet, vor allem in der Grundlagenforschung. Denn dort finden die meisten Tierversuche statt. Zur toxikologischen Sicherheitsbewertung werden hingegen nur acht bis zehn Prozent der Tierversuche durchgeführt.
Wie kann man Forscherinnen und Forscher dazu bringen, von gewohnten Wegen abzugehen?
Es gibt ganz objektive Argumente für Ersatzmethoden zu Tierversuchen. Zum Beispiel lassen sich die so erzielten Ergebnisse viel leichter vergleichen und überprüfen. Denn Organmodelle sind standardisiert, Lebewesen nicht.
Was braucht es noch, um Tierversuche zu reduzieren?
Zeit und Geld. Zeit, um Alternativmodelle zu entwickeln. Zum Beispiel begann die Forschung an Hautmodellen bereits in den 70er-Jahren. Ende der 80er-Jahre waren dann erste Modelle käuflich erhältlich. Ende der 90er-Jahre gab es erste abgestimmte Ringstudien mit mehreren Laboren. Und erst seit 2010 sind Hautmodelle als Alternativmethode zu Tierversuchen für Hautirritationstests von der OECD anerkannt.
Und Geld?
Um diesen Forschungszweig stärker zu fördern. In Österreich stehen pro Jahr rund 290.000 Euro für die Erforschung von Ersatzmethoden zu Tierversuchen zur Verfügung. Von Deutschland ist bekannt, dass im Jahr zirka sechs Millionen Euro bereitgestellt werden. EU-weit gehen die Beträge in den zweistelligen Millionenbereich. Aber gegenüber den Beträgen, die für Tierversuche in der Forschung ausgegeben werden, ist das wenig. Dafür stehen Milliardenbeträge zur Verfügung.
An welchen Projekten arbeiten Sie zurzeit im Zentrum für Ersatz- und Ergänzungsmethoden zu Tierversuchen?
Wie arbeiten an der Entwicklung von weiteren Organmodellen, zum Beispiel an einem Darmmodell, weil wir über den Darm viele Substanzen aufnehmen. Wir haben ein Lebermodell entwickelt, mit dem Auswirkungen auf das Entgiftungsorgan getestet werden können. Und an einem Lungenmodell untersuchen wir, ob man nicht den Tierversuch zur Lungenkrebsentwicklung ersetzen könnte, für den bei jedem Versuch zirka 800 Tiere sterben.
Glauben Sie, dass in ein paar Jahren alternative Methoden Tierversuche ersetzt haben werden?
Sicher nicht zur Gänze. Aber es geht darum, die Zahl der Tierversuche signifikant zu senken. Das geht aber nur, wenn man alternative Methoden miteinander kombiniert. Auch Computermodelle spielen hier eine wichtige Rolle. Trotz allem bleibt es schwierig zu simulieren, wie ein Organismus in seiner Gesamtheit auf bestimmte Reize reagiert.