Querflöte mit Omega-Kopfstück
Eine Querflöte, die „alle Stücke“ spielt, gibt es noch nicht. Mit einem neu entwickelten Instrument fällt Kindern das Spielen aber leichter. Barbara Gisler-Haase von der Uni für Musik und darstellende Kunst Wien war bei der Entwicklung dabei.
Dank des Omega Mundstücks (links) wird die Wirbelsäule nicht gebogen.
Forschen & Entdecken: Wie ist die neue Querflöte entstanden?
Barbara Gisler-Haase: Bei Workshops mit Kindern in den ersten Lernjahren an verschiedenen Musikschulen ist mir bewusst geworden, dass die Kinder dringend besseres Material brauchen. Die Querflöte, die heutzutage als Kinderflöte verbreitet ist, hat große Nachteile, die bewirken, dass alle Kinder mit ähnlichen Problemen kämpfen.
Als ich in den 60er-Jahren mit dem Spielen anfing, lag das übliche Alter, mit diesem Instrument beginnen zu dürfen, bei zwölf Jahren. Davor war man zu „klein“ und wurde auf die Blockflöte verwiesen. Die normalen Flöten sind schwer und anstrengend zu halten. In den 80ern boten viele Firmen gebogene Kopfstücke in Form eines U an. Dadurch konnten schon Achtjährige mit dem Unterricht beginnen. Bei diesen Flöten ist die Distanz zwischen Lippen und Händen, also Mundstück und Klappen, verringert. Danach wurden in der gleichen Form noch sogenannte Kinderflöten entwickelt. Sie sind leichter gebaut, haben versetzte Klappen und gehen nur bis „d“.
Was ist der Nachteil dieser Flöten?
Die Flöten in U-Form verfügen über ein starkes Drehmoment. Je kleiner die Hände sind, desto mehr muss dieses Drehmoment durch Kraft und Fehlstellungen abgefangen werden. Das verkrampft Finger und Hände und verändert bei jedem Griffwechsel den Anblaswinkel, was wiederum den Klang negativ beeinflusst. Viele Lehrer haben diese Nachteile erkannt und kleine Kinder trotzdem auf normalen, großen Flöten lernen lassen, was, wie man inzwischen beweisen konnte, eine nicht zu verantwortende Auswirkung auf die Wirbelsäule hat. All diese Erkenntnisse führten zur Entwicklung des Kopfstücks in Form eines Omega. Diese Flöte wird ebenfalls durch eine Biegung verkürzt, aber sie biegt sich so, dass sie in einer Linie bleibt. Sie ist daher technisch und physikalisch so zu spielen wie eine normale, große Flöte und hat einen schönen stabilen Klang.
Wie ging es weiter?
In Zusammenarbeit mit dem Flötenbauer Werner Tomasi (Wiener Flötenwerkstatt) wurde diese Flötenform technisch zur Serienreife entwickelt. Werner Tomasi, der ebenfalls an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien zum Profiflötisten ausgebildet worden ist und sich permanent mit Verbesserungen am Instrument beschäftigt, hat in einer langwierigen Versuchsreihe die technische Machbarkeit entwickelt. Meine Funktion lag in der Beurteilung und Weiterentwicklung des Klangbildes sowie in der genauen Beobachtung von Kinderhänden beim Umgang mit den neuen Flöten und in der Verfeinerung der Klappenpositionen.
Diese Neuentwicklung hat in der Fachwelt sofort großes Interesse erregt. Jetzt wird die Flöte in der neuen Form von der Marke AZUMI produziert und unter dem Titel „Wave Line“ in derzeit drei Größenvarianten angeboten. Dadurch entsteht eine mit der Violine vergleichbare Situation, bei der jedes Kind je nach Körpergröße die zu ihm passende Flöte wählen kann.
Ist diese Omega-Form nicht auch für erwachsene Querflötenspielerinnen und -spieler geeignet?
Eine professionelle Ausführung wird immer öfter angefragt. Das würde auch viele Berufsmusikerinnen und -musiker freuen. Denn sie könnten dann auf eine kürzere und dennoch qualitätsvolle Flöte zurückgreifen. Aufgrund der großen Belastung im Orchesteralltag gibt es vermehrt Berufserkrankungen im Schulter- und Wirbelsäulenbereich. Während einer Therapie müsste so nicht auf das Flötenspiel verzichtet werden. Auch ältere Hobbyflötistinnen und -flötisten fragen immer öfter nach einer Wave-Line-Flöte.