Nieder mit den Scheuklappen!
©Illustration: Markus Murlasits
Als meine Freundin B. vor Kurzem ein Geburtstagsfest für ihre kleine Tochter veranstaltete, wurde eines der Gastkinder mit der Anweisung abgegeben: „Keine Süßigkeiten mehr nach 17 Uhr.“ Meine Freundin K. pflegt ihre Umgebung vor jeder Vollmondnacht zu warnen, dass sie jetzt ein wenig zu spinnen beginnen könnte. Und für mich selbst ist jede Nacht, in der ich erst nach 24 Uhr ins Bett komme, so gut wie zu vergessen. Wo doch der Schlaf vor Mitternacht so wichtig ist!
Aber ganz unter uns: Die liebe K. kann auch in Nicht-Vollmondnächten durchaus verhaltensoriginell sein. Weiters hat mein Körper zwar eine innere Uhr, allerdings ist ihr der Begriff „Mitternacht“ ziemlich schnurz. Und was den angeblichen „Sugar Rush“ bei Kindern anbelangt: Er existiert tatsächlich! Allerdings in den Köpfen der Eltern. Studien haben nämlich ergeben, dass sich Kinder nach einer Süßigkeitenorgie kein bisschen anders verhalten als nach einem Nachmittag mit Obst und Gemüse. Sobald man ihren Eltern allerdings sagt, dass es zur Jause nur Kuchen und Gummibärchen gegeben hat, empfinden die ihre Kleinen plötzlich als viel aufgedrehter als normal.
Trotzdem wird man solche Mythen nie ausrotten können. Sie verbreiten sich wie die Schnupfenviren im Winter. Niemand weiß genau, wo er das aufgeschnappt hat, aber jeder weiß, dass es stimmt. Ist ja auch manchmal ganz praktisch als Ausrede. Der Vollmond war’s! Der Zucker ist schuld! Manchmal dienen solche Mythen auch rückwirkend als Erklärung. Ich bin heute zu nichts zu gebrauchen? Kein Wunder, gestern war ich ja auch erst um zehn nach zwölf im Bett!
Die meisten dieser küchenpsychologischen Erkenntnisse sind eine Kombination aus selbsterfüllender Prophezeihung und subjektiver Wahrnehmung. Wenn ich zu Ikea fahre und schon darauf warte, dort besonders viele schwangere Frauen zu sehen, werden sie mir auch stärker auffallen als im alltäglichen Leben. Wenn ich überzeugt bin, dass Männer sich als zweite Frau gern eine nehmen, die sehr viel jünger ist als die erste, ignoriere ich einfach all jene, deren neue Gefährtin aus der gleichen Altersgruppe stammt.
Nein, es wird nichts Schlimmes passieren, wenn man solchem Fehlglauben anhängt. Trotzdem ist es ganz spannend, hin und wieder mal die Scheuklappen abzunehmen.
Sigrid Neudecker von Randow ist Autorin des Magazins „Zeit Wissen“ und pendelt zwischen Hamburg, Paris und Wien.