Spiegelneuron: Was ist das?
Eine Entdeckung der 1990er-Jahre revolutionierte die Hirnforschung. Die Fähigkeit zur Nachahmung und das menschliche Einfühlungsvermögen könnten wesentlich von Spiegelneuronen abhängen.
Giacomo Rizzolatti war in Wien Gastredner auf der Jahreskonferenz der European Molecular Biology Organization EMBO.
Damit wir eine einfache Bewegung ausführen, wie nach einem Glas greifen, muss eine Menge passieren. Den Arm ausstrecken, die Hand öffnen, das alles verdanken wir einem Zusammenspiel unserer Muskeln. Manche spannen sich an, andere entspannen sich, auf diese Weise lenken sie unseren Arm in die Richtung des Glases. Das funktioniert, weil jeder Muskel mit einem Nerv verbunden ist. Wenn er über den Nerv einen Impuls bekommt, spannt er sich an.
Nervenbahnen auf der Spur
Allerdings hat der Impuls, wenn er beim Muskel ankommt, schon einen langen Weg hinter sich. Der Nerv, der im Muskel endet, hat seinen Ursprung im Rückenmark. Das Rückenmark wiederum ist selbst ein Bündel von Nerven, die ihren Ursprung im Hirnstamm haben. Und der Hirnstamm bekommt seine Befehle von Nerven, die ihren Ursprung in der Hirnrinde haben. Das ist die Außenfläche des Gehirns. Und zuständig für Bewegungen ist eine Region, die direkt hinter der Stirn liegt und deshalb Stirnlappen heißt. Hier liegt der motorische Cortex (lateinisch für Rinde).
Damit sich ein Muskel kontrahiert, muss im motorischen Cortex eine Nervenzelle (bzw. mehrere) „feuern“. Nun gilt der motorische Cortex – im Gegensatz zu Regionen, die für Gefühle oder gar abstraktes Denken zuständig sind – nicht als die komplexeste Gehirnregion. Gehirnzellen feuern, Muskeln spannen sich an: ein einfacher Prozess. Doch ausgerechnet hier hat der Neurophysiologe Giacomo Rizzolatti eine überraschende Entdeckung gemacht.
Hirnzellen mit doppelter Funktion
Er untersuchte an Affen, welche Zellen für welche Bewegungen zuständig sind. Dabei bemerkte er, dass manche Nervenzellen nicht nur feuerten, wenn der Affe eine bestimmte Bewegung ausführte. Sie entluden sich auch, wenn der Affe beobachtete, wie jemand anderer die gleiche Bewegung machte. Allerdings weniger stark, sodass der Affe selbst nicht diese Bewegung machte.
Die Entdeckung wurde begeistert aufgenommen und kurz darauf wurde nachgewiesen, dass es diese Zellen – Rizzolatti nannte sie „Spiegelneurone“ – auch beim Menschen gibt. Seither bieten Spiegelneurone Anlass für Spekulationen. Sind sie die Antwort auf viele offene Fragen der Menschheit? Wie: Woher hat der Mensch die Fähigkeit zur Nachahmung? Woher stammt seine Gabe, sich in andere Menschen einzufühlen? Giacomo Rizzolatti erklärte „Forschen & Entdecken“ seine Sicht der Dinge (hier gehts zum Interview).